Die internationale Presse fragt... - I.PAV antwortet!

Kürzlich führten wir ein Interview mit "The Guardian". Dieses findet ihr hier.

Um der Freelance-Korrespondentin des "Guardian" bei der Überwindung von Sprachproblemen zu helfen, haben wir der Bitte zugestimmt, kein Live-Interview zu führen, sondern Fragen schriftlich - und damit leichter übersetzbar - zu beantworten und eine autorisierte Fassung unserer Antworten zu "liefern". Da unsere Position nur eine von vielen war, werden im Artikel nur Teile des  Interviews zitiert. Hier für alle Interessierten die Langversion:

Was sind die Ziele, der Gruppe Pro-Afrikanisches Viertel? Wer sind Sie?

Wir sind eine informelle (kein eingetragener Verein oder andere gesetzlich definierte Struktur), überparteiliche Bürgerinitiative. Wir pflegen politische Kontakte zu Parteien und Vereinigungen, die geeignet sind, unser Anliegen einer vorwärts gerichteten, undogmatischen Diskussion über die Zukunft des Afrikanischen Viertels positiv zu begleiten und zu fördern. Die Mitgliedschaft in Parteien, Gewerkschaften oder anderen Vereinigungen ist die Privatangelegenheit unserer Mitstreiter. Wir ermutigen sie aber, unser Anliegen und die Thematik in andere Vereinigungen, in denen engagierte Mitstreiter der I.PAV aktiv sind, an geeigneter Stelle zur Sprache zu bringen.

Wie es für eine Bürgerinitiative - die sich überparteilich, überkonfessionell, interkulturell und Generationen übergreifend begreift und definiert - sein sollte, sind wir Bürgerinnen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft etc. Uns eint aber im Unterschied zu anderen, die sich lauter und heftiger und leider auch dogmatischer zur Thematik äußern, das Merkmal, im Afrikanischen Viertel ansässig (und oft auch durch die persönliche Biografie verwurzelt) zu sein. Wir sind Anwohner und Gewerbetreibende (Inhaber von Firmen und Geschäften). Berufs-Politiker/innen gehören entsprechend dieser Ausrichtung nicht zu unseren Protagonisten/Aktiven, in der Kommunalpolitik ehrenamtlich (!) aktive Bürgerinnen dagegen schon!

Was ist der Hintergrund der Debatte über die Umbenennung des Afrikanischen Viertel? Was denken Sie über die Argumente, die Straßennamen des Afrikanischen Viertels zu verändern? Und warum?

Das ist eine interessante Frage und nimmt zugleich einige sinnvolle Antworten vorweg. Zunächst: Völlig unstrittig unter allen, die sich engagiert an der Diskussion beteiligen ist, dass heute nicht nur niemand mehr die beiden Kolonialisten Lüderitz und Nachtigal durch Benennung von Straßen und Plätzen ehren würde oder ehren möchte; genauso wenig wie für den bis 1986 mit dem Namen Petersallee geehrten „Hängepeters“: Hier wurde von der SPD damals ein guter und konsensfähiger Kompromiss vorgeschlagen, den wir nun auch für den Nachtigal-Platz und die Lüderitzstraße vorschlagen: Durch Umwidmung des ehrenden Gedenkens und des Straßennamens: für den Nachtigal-Platz auf den Märchensammler und Theologen Johann Nachtigal und für die Lüderitzstraße auf die namibische Hafenstadt, die bis heute den Namen 'Lüderitz' trägt und diesem Namen längst eine neue, der Zukunft zugewandte Bedeutung gegeben hat – ohne dabei die Kolonialgeschichte zu ignorieren. Gerade am Beispiel des Namens Lüderitz denken wir, es ist nicht richtig uns in sozusagen postkolonialer Arroganz erneut besserwisserisch über die Bevölkerung Namibias zu erheben, in der die Diskussion um diesen Namen genau so engagiert geführt wurde und man sich entschieden hat, den touristischen Namen, den sich die Stadt über Jahrzehnte erworben hat, nicht aufs Spiel zu setzen sondern auf die Kraft des neuen postkolonialen Branding zu vertrauen.

Auch sollen im Afrikanischen Viertel ja nach dem Willen der „Umbenenner*innen“ nicht alle Straßen- und Platznamen im Afrikanischen umbenannt werden, sondern -  ideologisiert motiviert -  nur einige. Das ist verwunderlich, denn die Benennungsepoche aller Straßen und Plätze des Afrikanischen Viertels umfasst die Jahrzehnte von 1888 bis 1958 und damit nicht nur deutlich mehr als ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte, sondern vor allem auch kolonialpolitisch eine sehr lange und extrem vielfältige Periode: auf die deutsche Rolle(n) in Afrika bezogen alle Regime und Regierungsformen, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, das Nazi-Regime bis zur heutigen Bundesrepublik: Die ersten Straßen-Benennungen im Afrikanischen Viertel erfolgten Ende des 19. Jahrhunderts, die letzte im Jahr 1958; die erste und bisher letzte Umbenennung - die eigentlich eine Umwidmung war – im Jahr 1986: übrigens auf Initiative der SPD, die jetzt eben diese eigene Umwidmungsinitiative unverständlicherweise in der Sache und politisch diskreditiert. Aus unserer Sicht kommt es drauf an, das Gedenken, die Erinnerung und die heutige Sicht auf das moderne Afrika zu verändern, nicht aber sich mit dem An- und Abschrauben von Straßenschildern eine ideologisierte Debatte abschließen zu wollen, die eigentlich in der breiten Bevölkerung erst noch richtig anfangen muss.

Was für eine Zukunft gibt es für das Afrikanische Viertel? Was für eine Rolle könnte es spielen?

Die I.PAV wünscht sich, dass das Afrikanische Viertel für Berlin, aber gerne auch für Deutschland eine Beispiel gebende und an der Zukunft der interkulturellen Beziehungen zwischen Deutschland (auch als Teil Europas) und Namibia (auch als ermutigender Teil Afrikas) spielen kann. Dafür ist es notwendig eine Konzeption zu entwickeln, die die Vergangenheit nicht verdrängen will, aber auch eine positive Zukunft erschließen will. Deshalb ist weder eine reine 'Kiez'-Diskussion noch eine ideologisierte Polit-Debatte über die Köpfe der dort lebenden Menschen hinweg, wie sie im Moment geführt wird, sinnvoll. Gerade wenn man Berlinerinnen und Berliner, im Afrikanischen Viertel wie im Bezirk Mitte und auch der ganzen Stadt, für Afrika interessieren und für den Abbau negativer oder auch ausschließlich romantisierender Klischees gewinnen möchte, muss man die Menschen einbeziehen und darf ihre Befindlichkeiten nicht geringschätzen oder herabwürdigen. Kindheitserinnerungen sind auch dann schön, wenn sie sich in einer Straße abspielen, die einen kritikwürdigen Namen hat. Das Menschen mit einer Firma ihre Adresse nicht ohne Umzug geändert haben möchten, ist kein Zeichen der Ignoranz oder Geschichtsvergessenheit, sondern eine betriebswirtschaftliche Überlegung, die man aber mit einem wie von der I.PAV vorgeschlagenen Kompromiss der Umwidmung des Gedenkens - unter Beibehaltung der Buchstaben der Straßen- oder Platzbezeichnung - und gleichzeitig offener Haltung gegenüber veränderten Sichtweisen auf Vergangenes in Einklang bringen kann.

Wir wünschen uns für das Afrikanische Viertel eine aktive Rolle in der einer zukunftsorientierten Gestaltung der im Jahre 2000 gegründeten Städtepartnerschaft zwischen den Hauptstädten Windhoek (auch ein kolonial belasteter, gleichwohl in Namibia beibehaltener Städte-Name) und Berlin und haben bereits vorgeschlagen, auch zwischen dem Berliner Bezirk Mitte und einem entsprechenden Stadtteil Windhoeks eine kommunale Twinning-Partnerschaft zu gründen, wie die Berliner Bezirke (darunter auch der Bezirk Mitte von Berlin) sie zu auch zu anderen Hauptstadtbezirken unterhalten.

Es passt zu der Haltung der ideologisch orientierten und dogmatischen „Umbenennungs-Fraktion“, dass sie zu keiner Zeit einen vergleichbaren Vorschlag zum Aufbau heutiger Beziehungen nach Namibia gemacht haben. Das Land Namibia interessiert diese Leute offenbar ebenso wenig wie die Möglichkeit, die Bürger/innen des Afrikanischen Viertels, des Bezirks Mitte von Berlin und der Stadt Berlin für das Land Namibia und den Kontinent Afrika zu interessieren, was wir eben so schade wie unklug finden. Mit der Beschränkung auf die Kolonialgeschichte erweisen sich diese Ideologen als die wirklich Rückwärtsgewandten und Ewig-Gestrigen in der Debatte.

Wie bewegt oder beeinträchtigt dieses Thema, die Bewohner des Afrikanischen Viertels?

Nach unserer Wahrnehmung als Bürgerinitiative haben die Menschen im Afrikanischen Viertel wie im Bezirk ein sehr genaues Gespür dafür, wer mit ihnen eine transparente, ergebnisoffene und sachorientierte Diskussion zum Thema führen will und wer mit vorgefertigten Meinungen, Beschlüssen und Ansichten kommt und primär daran interessiert zu sein scheint, die eigenen Meinungen durchzusetzen, auch um den Preis einer intransparenten, wenig demokratisch geführten oder gar unterdrückten Diskussion. Aus unserer Sicht ist diese Haltung kontrakproduktiv im Sinne einer Akzeptanz der Wünsche nach einer neuen Sichtweise auf den afrikanischen Kontinent, seine Menschen und seine jungen Nationen. Das gewählte Verfahren mit einer geheim gehaltenen Jury, nicht bekannten Entscheidungskriterien und einer vorherigen Aussortierung unliebsamer Vorschläge ist beispiellos und diskreditiert jedes mögliche Ergebnis dieses Verfahrens. Es bestätigt auf ungute Weise die üblen Klischees, die Rechtsradikale und Populisten derzeit über politische Prozesse und Akteure propagieren.

Möchten Sie noch etwas erklären?

Wir verzichten auf weitere Statements und beschränken uns auf ein passendes Zitat des großen britischen Staatsmannes und Literatur-Nobelpreisträgers Sir Winston Churchill (1874-1965): „Wenn die Gegenwart über die Vergangenheit zu Gericht zu sitzen versucht, wird sie die Zukunft verlieren!“

Medien-Echo über die Diskussion in Namibia

Am 01.03.2015 in SPIEGEL ONLINE: http://www.spiegel.de/reise/fernweh/streit-um-moegliche-umbenennung-von-luederitz-a-1021202.html

Am 19.08.2013 auf der Homepage der Deutschen Welle: http://www.dw.com/de/namibia-l%C3%B6scht-sein-historisches-ged%C3%A4chtnis/a-17028396